Resume

Der Kongress Momentum13: Fortschritt versammelte vom 17. bis 20. Oktober 2013 rund 250 interessierte Personen im malerischen Kongressort Hallstatt. Die Eröffnungsrede von Barbara Blaha und die Keynote von Robert Pfaller waren nur ein erster Höhepunkt. Zehn spannende Tracks luden zum Diskutieren ein. Kathrin Passig las aus ihrem Buch „Internet – Segen oder Fluch“. Abgerundet wurde der Kongress durch die Abschlussmatineé „Wachstum vs. Fortschritt“ mit Ulrich Brand und Markus Marterbauer. Mehr zu Momentum13: Fortschritt findet sich im Rückblick.

  

Tracks

Das Generalthema des heurigen Momentum-Kongresses ist Fortschritt. Im Zentrum des Austausches stehen die zehn Tracks. Erstmals wird heuer ein Track (#10) in Englisch abgehalten.

Track #1: Was ist Fortschritt?

Leitung: Isolde Charim, Jakob Kapeller

Fortschritt als eine abstrakte Zieldimension ist sowohl der Politik als auch nahezu allen Wissenschaften inhärent. Im Kontext der Wissenschaft wird die Fortschritt in verschiedenen Disziplinen auf äußerst unterschiedliche Art und Weise inkorporiert, wobei die konkrete Perspektive auf Fortschritt weitgehend von disziplinären Prämissen dominiert wird. So versteht die Naturwissenschaft unter Fortschritt primär den Einfluss technologischer Innovationen, die Ökonomie interpretiert Fortschritt zumeist als quantitatives Wachstum und Soziologie und Anthropologie haben im Kontext von Fortschritt oftmals soziale Wandlungsprozesse vor Augen. Im Kontext der Politik hingegen wird Fortschritt hingegen zumeist mit Bezug auf ideologisch-normative Zieldimensionen, also unter Zuhilfenahme spezifischer Wertvorstellungen, konkretisiert. Die Philosophie versucht oftmals eine Balance zwischen diesen beiden Ebenen zu finden und stellt auf dieser Basis teils hochtrabende Fragen nach den Bestimmungsgründen gesellschaftlichen Fortschritts.

Die Frage wie Fortschritt innerhalb verschiedener Denkgemeinschaften konzeptionalisiert wird ist dabei alles andere als trivial: Schließlich haben explizite und implizite Vorstellungen von technologischem, ökonomischen, politischen oder sozialen Fortschritt ihrerseits massiven Einfluss auf die weitere Entwicklung von Wissenschaft und Gesellschaft. Fortschrittsideen und –konzepte bestimmen die Relevanz von Fragestellungen ebenso wie den Wert unterschiedlicher Lösungsvorschläge. Ziel dieses Tracks ist es daher unterschiedliche Konzeptionalisierungen von Fortschritt in Politik, Philosophie und Wissenschaft vergleichend gegenüberzustellen und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile auf interdisziplinärer Basis zu debattieren. Folgende Fragestellungen sind dabei, unter anderem, von Interesse:

  • Wie wird Fortschritt im Rahmen unterschiedlicher Kontexte implizit oder explizit gedacht und konzeptionalisiert und welche Rückkoppelungen und Verbindungen bestehen zwischen diesen Konzepten und der tatsächlichen gesellschaftlichen Entwicklung?
  • Inwiefern weisen die in verschiedenen Disziplinen und Kontexten dominanten Ideen von Fortschritt Einseitigkeiten und blinde Flecken auf, die durch eine ganzheitlichere Sichtweise kompensiert werden sollten? Ist „Fortschritt“ an sich ein legitimes Konzept zur Charakterisierung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse?
  • Welchen Beitrag können Versuche einer möglichst ganzheitlichen Betrachtung von Fortschritt leisten? Inwiefern macht es Sinn verschiedene Dimensionen von Fortschritt – etwa technologischen, ökonomischen, zivilisatorischen oder moralischen Fortschritt – zu unterscheiden und lassen sich diese unterschiedliche Dimensionen einer integrierten Betrachtungsweise zuführen?
  • Welche wissenschaftstheoretischen, wissenschaftsethischen oder sozialphilosophischen Ansätze sind potentiell geeignet um die Frage der Fortschrittsorientierung in den Wissenschaften kritisch zu reflektieren?

Track #2: Fortschritt und Feminismus

Leitung: Regina Dackweiler, Erich Lehner

Konsequente Gleichstellung in sämtlichen Bereichen zu erreichen ist nicht nur das historische Ziel der Frauenbewegung im Allgemeinen, sondern steht auch im Fokus der alltäglichen Arbeit vieler verschieden Fraueneinrichtungen und -zusammenschlüssen. Gleichstellung gilt aus dieser Perspektive daher auch als ein zentraler Markstein gesellschaftlichen Fortschritts. Insofern birgt die Erfahrung feministischer Bewegung und Agitation auch Inspiration und Legitimation zur Bekämpfung von alternativen Varianten von Diskriminierung – etwa aus sozialen, kulturellen, politischen oder ökonomischen Gründen. Die Einbettung dieser Widerstandsformen in die Tradition feministischer Praxis ist dabei nicht immer ohne Schwierigkeiten – vor allem auch deshalb, weil alternative gesellschaftliche Bruchlinien, wie kulturelle cleavages oder signifikante Einkommensunterschiede, nicht primär mit geschlechtlich motivierter Andersbehandlung zusammenfallen. Die Frage wie feministisches Denken allgemein in die Vielfalt an Strategien gesellschaftlichen Widerstands eingebettet werden kann ohne das Grundmotiv einer Gleichstellung der Geschlechter zu verwässern steht dabei ebenso zur Diskussion wie das Verhältnis zwischen aktueller feministischer Theorie und der „widerständigen“ Tradition feministischer Praxis?

  • Was bedeutet Fortschritt mit Bezug zur Gleichstellung der Geschlechter? Inwiefern trug die Frauenbewegung zur Etablierung einer erweiterten Gleichheitsvorstellung ein und welche gesellschaftlichen Auswirkungen brachte diese mit sich? Wie steht es um das Verhältnis von Fortschritt im Bereich feministischer Theorie, wie im Bereich feministischer Praxis?
  • Inwiefern ist die traditionelle Orientierung an Gleichstellungsmotiven vereinbar mit der Hoffnung auf eine völlige Dekonstruktion geschlechtlicher Zuschreibungen und Kategorisierungen?
  • Wie ist mit Ungleichzeitigkeiten und Widersprüchen zwischen verschiedenen Fortschrittsdimensionen und -konzeptionen im Bezug auf Geschlechterfragen umzugehen? Gibt es eine feministische Vision einer fortschrittlichen Gesellschaft?
  • Was bedeutet fortschrittliche Gleichstellungspolitk? Welche neuen, kreativen, und nachahmungswürdigen Beispiele zur Implementierung von mehr Gleichstellung sollten besonders hervorgehoben werden?

Track #3: Kunst, Geschichte und Politik

Leitung: Rosi Muttenthaler, Herbert Posch

Das Schreiben von Geschichte und die Produktion von Kunst sind einander fern und nah zugleich. Sie unterscheiden sie sich teils grundlegend in Prinzipien und Methoden, beschreiben jedoch auch Felder, die in vielfältiger Beziehung zueinander stehen. Viele Kunstschaffende bedienen sich geschichtswissenschaftlicher Praktiken und Erkenntnisse: sie archivieren Material oder arbeiten mit Archiven und deren Material, sie führen und kompilieren lebensgeschichtliche Interviews, sie initiieren Geschichtsschreibung „von unten“. In weiterer Folge können solche künstlerischen Projekte auch selbst zum Gegenstand historisch Forschender werden. Geschichtsschreibung und Kunst tragen mitunter gemeinsam zur Etablierung hegemonialer Narrative bei – was sich etwa in der Darstellung historischer Schlachten, der Portraitierung Herrschender oder der Gestaltung von Denkmälern im öffentlichen Raum materialisiert. Gleichzeitig entstehen aus Allianzen von Kunstschaffenden und Geschichtsschreibenden aber auch vielfältige Interventionsmöglichkeiten. Ihnen widmet sich dieser Track. Konkret wird der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit es zwischen Kunst und Geschichtswissenschaft gibt und welche Synergien wir nützen können, um problematischen Geschichtsbildern entgegen zu arbeiten und gegenläufige, bislang marginalisierte Geschichte(n) im allgemeinen historischen Bewußtsein zu verankern. Es sollen Praxen und Methoden solcher Perspektiven diskutiert werden, die unter „Geschichte“ ein Feld politischer Auseinandersetzungen verstehen, in das es sich einzubringen gilt. Dabei werden verschiedene historiographische Politiken kritisch betrachtet, indem etwa Strukturen der Sichtbarkeit und Repräsentation oder Legitimations- und Wissensordnungen hinterfragt werden. Im Rahmen des Tracks soll untersucht werden, wie Deutungsmacht in geschichtspolitischen Auseinandersetzungen verhandelt wird und welche Rolle Wissenschaft und Kunst dabei einnehmen können. Anhand realisierter und geplanter Beispiele wollen wir die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen gemeinsamer geschichtspolitischer Projekte diskutieren.

Track #4: Technologie und Regulierung

Leitung: Astrid Mager, fukami

Fortschritt zu regulieren ist ein paradoxes Unterfangen. Recht und Regulierung von Heute stehen den Technologien von Morgen häufig im Weg. Gleichzeitig ist diese Sperrigkeit rechtlicher Rahmenbedingungen aber auch ein Schutz vor allzu forschem Voranschreiten und erlaubt sozio-technologischen Wandel politisch zu gestalten. Alternativ dazu formieren sich private Regulierungsinitiativen verschiedener Branchen mit dem Ziel ihr organisationales und innovationsrelevantes Umfeld selbstorganisiert zu regeln. Jenseits dieses Aspekts verschiedener Regulationsverfahren und ihrer relativen Performance, stellt sich aber auch die Frage, ob und wie rechtliche Rahmenbedingungen auch vorausschauend oder gar richtungsweisend sein können um zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen bestmöglich zu antizipieren?

Gerade auch für technologischen Fortschritt im Bereich sozialer und ökologischer Problemlagen stellen sich deshalb folgende Fragen:

  • Wie kann Regulierung innovationsoffen und gleichzeitig richtungsweisend gestaltet werden? Welche Möglichkeiten gibt es, über Regulierung sozial und ökologisch fortschrittliche Innovationen (indirekt) zu fördern?
  • Welche Chancen und Gefahren sind mit privaten Regulierungsinitiativen (z.B. via Standardisierung) verbunden? Wie gestaltet sich das Zusammenspiel staatlicher und nicht-staatlicher Regulierungsformen in Feldern mit starkem technologischem Wandel (z.B. digitale Technologien)?
  • Welches Technologie- und Fortschrittsverständnis liegt vorhandenen Rechts- und Regulierungssystemen zu Grunde? Welche Alternativen dazu sind denkbar?

Track #5: Ökologie und Gesellschaft

Leitung: Bettina Köhler, Ulrich Brand, Markus Wissen

Dass die ökologische Krise kein bloßes „Umweltproblem“ ist, sondern nur in einem übergreifenden gesellschaftlichen und politischen Kontext begriffen und bearbeitet werden kann, ist mittlerweile weithin akzeptiert. Nicht zuletzt die aktuellen Schwierigkeiten der sog. „Staatengemeinschaft“, sich auf ein neues Klimaschutzabkommen zu verständigen, zeigen, dass es bei ökologischen Fragen immer auch um ökonomische und geopolitische Interessen geht. An den zahlreichen Konflikten um die Inwertsetzung von Land, Wasser oder Biodiversität sowie an der Wachstumsdebatte wird deutlich, dass die Kontrolle über Natur gerade in der gegenwärtigen Vielfachkrise ökonomisch zunehmend relevant wird und wichtige Implikationen für Klassen- oder Geschlechterverhältnisse hat.
Von diesen Einsichten ausgehend soll in Track 5 der Zusammenhang zwischen Ökologie und Gesellschaft thematisiert werden. Erwünscht sind theoretisch angeleitete Zeitdiagnosen, die aufzeigen, wie sich soziale Macht- und Herrschaftsverhältnisse in die Naturverhältnisse einschreiben und wie umgekehrt Konflikte über die Formen und Inhalte von Naturaneignung konstitutiv für soziale Macht und Herrschaft bzw. ihre Überwindung sind.
Konkret werden Beiträge zu folgenden Fragen erbeten:

  • Welche neuen Formen der Inwertsetzung von Natur bilden sich im globalen Süden und im globalen Norden im Kontext der Vielfachkrise heraus? (Stichworte: land grabbing, Ökosystemdienstleistungen, Biodiversität, Agrartreibstoffe, green economy)
  • Was sind die ökologischen Implikationen der aktuellen geopolitischen und -ökonomischen Verschiebungen zugunsten der großen Schwellenländer? (Stichworte: Klimawandel, Klimapolitik, Energie- und Ernährungsproblematik, Wachstumsproblematik)
  • Wo scheinen in sozial-ökologischen Konflikten Ansätze einer Demokratisierung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse auf und was sind die Bedingungen ihrer Realisierung bzw. Verallgemeinerung? (Stichworte: Ernährungssouveränität, Klimagerechtigkeit, Wachstumskritik, Landrechte)

Track #6: Zukunft der Arbeit

Leitung: Petra Völkerer, Roland Atzmüller

Die Arbeitswelt ist Projektionsebene von Hoffnungen auf Selbstverwirklichung für die einen, ein Gefängnis bis zur Pensionierung für die anderen. Sie ist aber immer auch Ort der Auseinandersetzung zwischen gesellschaftlichen Interessensgruppen. Die Veränderungen der klassischen Lohnarbeit in den letzten Jahrzehnten, die mit Phänomenen der Flexibilisierung und Prekarisierung einhergehen, haben wenig an den Grundbedingungen von Arbeit im Kapitalismus geändert. Gerade unter den Bedingungen der aktuellen Krise, die zu steigender Arbeitslosigkeit und einer zunehmenden Verarmung weiter Bevölkerungsteile führt, rücken Auseinandersetzungen um ökonomischen Fragen wieder in den Mittelpunkt. Gleichzeitig bildet sich ein neues Prekariat heran: Die Zeit, in der eine gute Ausbildung auch Garantie für einen hochdotierten und stabilen Job war, ist vorbei. Ein blinder Fleck in der Debatte ist darüber hinaus die Frage der Einbeziehung sozial Exkludierter in den Arbeitsprozess: Menschen mit besonderen Bedürfnissen und gesellschaftliche Randgruppen entziehen sich oft der Logik normierter Arbeitsverhältnisse und erhalten daher in vielen Fällen nur im Rahmen von besonderen Fördermaßnahmen reguläre Arbeitsplätze. Im Rahmen des Tracks können Fragen wie die folgenden diskutiert werden:

  • Wie wirkt sich die Entgrenzung der Arbeitsverhältnisse im Postfordismus gesellschaftlich aus? Wie ist es um aktuelle Konzepte der Demokratisierung der Arbeitswelt bestellt?
  • Bringt die volle, projektorientierte Zeitflexibilität in vielen Arbeitsfeldern ein Mehr an individueller Freiheit oder wird damit die Ausbeutung unter dem Deckmantel der Eigenverantwortung maximiert?
  • Wie können sich fortschrittliche Positionen zur neuen Arbeitswelt artikulieren? Reicht ein Pochen auf verstärkte Verteilungsgerechtigkeit aus oder braucht es alternative Strategien, wie eine umfassende Arbeitszeitverkürzung oder eine Rückkehr zum fordistischen Normalarbeitsverhältnis? Hilft uns die Vision einer grundeinkommensgestützten Zukunft ohne Lohnarbeitszwang weiter?
  • Im Hinblick auf die aktuelle Gestaltung von Arbeitsverhältnissen ist nach der Inklusion von gesellschaftlichen Randgruppen zu fragen: Ist die Popularisierung betriebswirtschaftlicher Konzept wie „Diversity Management“ ausreichend oder braucht es eine gesamthafte Veränderung der Arbeitsverhältnisse, um gleiche Teilhabe aller gesellschaftlicher Gruppen zu erreichen?

Track #7: Ziele des Wohlfahrtsstaats

Leitung: Vanessa Redak, Markus Marterbauer

Der westeuropäische Wohlfahrtstaat galt über Jahrzehnte als zentrales Signum eines beeindruckenden gesellschaftlichen Fortschritts: Gesellschaftlicher Ausgleich, kollektive Absicherung gegenüber individuellen Risiken und soziale Inklusion durch den Rückbau tradierter Hierarchien gelten dabei als zentrale Bestimmungsgründe dieser Bewertung. Dessen ungeachtet befindet sich der Wohlfahrtsstaat in einer doppelten Legitimationskrise: Zum einen geraten die sozialen Sicherungssysteme durch den exogenen Faktor stetig klammer Staatsfinanzen vermehrt unter Druck. Zum anderen weisen diese Systeme aufgrund ihrer historischen Gewachsenheit eine endogene Pfadabhängigkeit aus, die ihre Flexibilität auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren zunehmend einschränken. Vor diesem Hintergrund soll dieser Track Raum schaffen die grundsätzlichen Zieldimensionen und Instrumente sozialstaatlicher Politik zu hinterfragen. Ausgangspunkt ist dabei die Frage nach gegenwärtig relevanten Zieldimensionen sozialstaatlicher Politik und ihren Prioritäten (Lebensstandardsicherung, Armutsbekämpfung, Umverteilung, Soziale Inklusion…) sowie der Adäquatheit der zur Zeit zur Verfügung stehenden Instrumente zur Erreichung dieser Ziele. Im Detail sollen, unter anderem, die folgenden Fragestellungen diskutiert werden:

  • Welche Zieldimensionen verfolgt sozialstaatliche Politik und wie werden diese gewichtet? Unterliegt diese Gewichtung einem historischen Wandel und in welchem Verhältnis steht dieser Wandel zu den sich ebenfalls verändernden kollektiven wie individuellen Sicherungsbedürfnissen?
  • Sind unterschiedliche Typologisierungen von Wohlfahrtsstaaten konzeptionell überzeugend und tauglich für eine Anleitung konkreten politischen Handelns? Inwiefern unterscheiden sich die verschieden Typen von Wohlfahrtsstaaten hinsichtlich ihrer Zieldimensionen und welche unterschiedlichen Instrumentarien ergeben sich hieraus?
  • An welchen Punkten ergeben sich im Kontext sozialstaatlicher Sicherungssysteme historische Pfadabhängigkeiten und sind diese der Zielerreichung wohlfahrtsstaatlicher Politik eher zu- oder abträglich? An welchen Punkten besteht hinsichtlich der systemischen Ausgestaltung bestimmter Wohlfahrtsstaatstypen besonders großer Reflexions- und Handlungsbedarf?
  • Wie lassen sich Priorisierungen im Kontext sozialpolitischer Überlegungen rechtfertigen und welche Form der Priorisierung sozialpolitischer Ziele scheint vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen als besonders adäquat?
  • Wie muss klassische Sozialpolitik in anderen Politikfeldern flankiert werden um ihre prioritären Zielsetzungen zu erreichen?

Track #8: Wirtschaftspolitik fortschrittlich gestalten

Leitung: Silvia Angelo, Achim Truger

Der Anspruch wirtschaftliche Entwicklung aktiv politisch zu gestalten bedeutet den Versuch in einem dynamischen Umfeld langfristig stabile und sinnvolle Regeln und Maßnahmen zu setzem. Die wirtschaftspolitische Praxis hat sich über die Jahrzehnte zwar schrittweise verändert, folgt dabei aber weitgehend tradierten Heuristiken und Routinen: Gezielte Strukturpolitik und sinnvolle Fiskalpolitik ergänzen einander und tragen so dazu bei Wachstum und Beschäftigung zu fördern. Aktuelle Beispiele dafür sind die Bemühungen gänzlich auf erneuerbare Energieträger umzusteigen, ständige Weiterentwicklungen in der Wettbewerbspolitik um Monopolbildungen und überhöhten Preisen entgegenzuwirken, Maßnahmen um einen diversifizierten Industriesektor zu erhalten und weiterzuentwickeln oder Forschungsförderung zielgerichtet zu gestalten und Mitnahmeeffekte zu vermeiden. Diese kleinteilige Strukturpolitik ergänzt im besten Fall sinnvolle fiskalpolitische Maßnahmen und trägt so dazu bei Wachstum und Beschäftigung zu fördern, wobei die Frage nach der Qualität der wirtschaftlichen Entwicklung zumeist offen bleibt. In diesem Sinne werden in diesem Track die folgenden Fragen zur Diskussion gestellt:

  • Halten die wirtschaftspolitischen Maßnahmen einem fortschrittlichen Gerechtigkeitsanspruch stand? Dienen sie einer nachhaltigen Gestaltung des Wirtschaftssystems? In welcher Relation stehen sie zur Innovationsfähigkeit und –orientierung der Ökonomie?
  • Inwiefern tragen wirtschafts- und strukturpolitischen Maßnahmen zum gesellschaftlichen Fortschritt bei? Wie können Wirtschaftspolitik, Industriepolitik und Forschungspolitik fortschrittlich gestaltet werden?
  • Welche wettbewerbsrechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen braucht es und wie können diese bestmöglich implementiert werden?
  • Welche Rolle spielen Aspekte der Daseinsvorsorge wie Energie- und Wasserversorgung, Verkehrs- oder Gesundheitspolitik? Wie sollen die wirtschaftlichen Aufgaben der öffentlichen Hand organisiert werden und welche Spielräume ergeben sich insbesondere auf kommunaler Ebene?
  • Welche konsumpolitische Flankierung braucht eine gelungene Wirtschafts- und Strukturpolitik? In welchem Zusammenhang stehen Produktqualität, KonsumentInnenrechte und strukturpolitische Initiative?

Track #9: Soziale Bewegungen als Motoren des Fortschritts

Leitung: Britta Baumgarten, Bernhard Obermayr

Gesellschaftlicher Fortschritt braucht Orte des Diskurses, also Orte an denen Visionen entwickelt und Wege zur Zielerreichung diskutiert und umgesetzt werden können. Viele progressive Bewegungen wollen aus ihrem Selbstverständnis heraus genau diese Aufgaben wahrnehmen, wenn auch mit unterschiedlichen geographischen und thematischen Orientierungen. Dabei entstehen neue Zugänge zu gesellschaftlichen Problemen und sowie neue Antworten und Lösungen zur Neuordnung dieser Bereiche. Die Rolle und die Aufgaben von sozialen Bewegungen, ihre internen Funktionsweisen und die Wege, auf denen sie Veränderungen in der Gesellschaft durchsetzen und so sozialen Fortschritt vorantreiben, sind jene Fragen, die hier diskutiert werden sollen.

  • Wo finden in der Gesellschaft die Diskurse über die Ausgestaltung der Zukunft statt? Welche Gruppierungen oder Institutionen bestimmen die Auseinandersetzungen und welche Möglichkeiten der Beteiligung bzw. Einmischung bestehen?
  • Unter welchen Bedingungen werden Bewegungen wie Parteien, Protestbewegungen oder Basisinitiativen zu Bewegungen des Fortschritts? Welche Rolle spielt dabei deren innere Organisation und ihre thematischen Schwerpunkte?
  • Wie können sich soziale Bewegungen mit unterschiedlichen geographischen oder thematischen Orientierungen bestmöglich koordinieren um sozialen Fortschritt voranzutreiben? Wie können hier allem ungeteilte und divergierende Interessen sinnvoll verhandelt werden?
  • Welche Rolle spielt Widerstand bei der Suche nach fortschrittlichen Wegen in die Zukunft? Braucht es den Protest gegen eine inferiore Alternative als Reibebaum um die Energie und Bereitschaft für Innovationen in der Gestaltung des Zusammenlebens zu entwickeln?

Track #10: Europa – ein Fortschritt?

Leitung: Laura Horn, Lukas Oberndorfer

Dieser Track wird in englischer Sprache abgehalten. Abstracts, Paper und Vortrag auf Englisch!

Sucht man nach einem Gradmesser für die Durchsetzung des europäischen Gedankens in den EU-Mitgliedsstaaten ist ausnahmsweise ein Blick nach ganz rechts hilfreich. Von Belgrad bis Oslo, von Paris bis Warschau beziehen sich mittlerweile selbst ultranationalistische Kräfte positiv auf „Europa“. Offenkundig sind sie sich bewusst, dass eine dezidiert antieuropäische Haltung allzu selbstbeschädigend wäre. Also wird Europa mit genehmen Wertvorstellungen aufgeladen. Neben dem „Europa der Vaterländer“ ist besonders die „Europäische Kultur- und Wertegemeinschaft“ auch im liberalkonservativen Milieu anschlussfähig, besonders, so lange sie im Unkonkreten bleibt. Zugleich weisen Umfragedaten in sämtlichen Mitgliedsstaaten seit Jahren eine zunehmende Reserviertheit gegenüber „Brüssel“ auf. Die Europäische Union und ihre Organe gelten als aufgebläht, undurchsichtig und korrupt, und werden nur von wenigen als legitime politische Vertretung wahrgenommen. Für gewöhnlich ziehen EntscheidungsträgerInnen aus diesem scheinbaren Widerspruch den Schluss, die Bürgerinnen und Bürger seien sich eben nicht im Klaren über Erfordernisse und Verwirklichungsmöglichkeiten der grundsätzlich geteilten Vision. Folgedessen müsse die Bevölkerung eben vom europäischen Projekt noch restlos „überzeugt“ werden. Stellt sich nur die Frage: überzeugt wovon? Inmitten der allgegenwärtigen speed-kills-Rhetorik, die alle Diskussion auf die Zeit „nach der Krise“ vertagt sehen will, ist es mehr als an der Zeit, sich endlich grundsätzlichen Fragen zuzuwenden.

  • Was ist übrig geblieben von den Verheißungen eines geeinten Europas? Wer hat von den bisherigen Einigungsprozessen profitiert – und auf wessen Kosten?
  • Wie lassen sich die zunehmend autoritären Tendenzen auf institutioneller Ebene erklären, die immer mehr Macht in immer weniger Händen konzentrieren?
  • Welche Rolle spielen in europäischen Entscheidungsprozessen allgemein nationale (Regierungs-)Interessen?
  • Und: wie sieht es mit Gegenentwürfen und ihrer Durchsetzbarkeit aus?

Europe – a progress?

In serious political discourse the idea of a united Europe can be taken for granted. At the same time the distance felt to „Brussels“ is growing. A contradiction? What has remained of the promise of Europe? Who has benefited from the integration processes – and on whose costs and in whose interest? How can we explain the increasing authoritarian tendencies leading to the concentration of economical power in the hands of a few big multinational corporations? What role do the national interests play in the European decision-making process – and what could be alternatives, including their practical feasibility and enforceability?

PreConferences

Im Vorfeld zum Kongress „Momentum13: Fortschritt“ werden Pre-Conference Workshops angeboten. In vier Workshops erhalten Momentum TeilnehmerInnen die Möglichkeit, sich schon im Vorfeld des Kongresses mit bestimmten inhaltlichen Themen vertraut zu machen und auseinanderzusetzen.

Workshop 1: Reclaim Public Services: Rückkehr des Öffentlichen

Leitung: Alice Wagner, Oliver Prausmüller

Wir erleben gegenwärtig nicht nur eine Krise der Finanzmärkte, sondern eines gesamten Entwicklungsmodells. Damit steht insbesondere auch die seit den 1980er-Jahren losgetretene Euphorie zur Liberalisierung und Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen auf dem Prüfstand. Zwar fallen die Befunde zu den sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Politik ernüchternd aus. Doch diese zunehmende Liberalisierungsskepsis hat bislang im Rahmen der Europäischen Union wenig Spuren hinterlassen. Aktuelle EU Initiativen zeigen vielmehr: Die Weichen werden nicht in Richtung Alternativen, sondern Verschärfung der Marktintegration gestellt.

Vor diesem Hintergrund gilt der Schwerpunkt des Workshops der aktuellen Entwicklungen in der Binnenmarkt- und Freihandelspolitik der Europäischen Union. Welche Projekte und Strategien werden hier gegenwärtig verfolgt? Wo bestehen Kontinuitäten und Brüche in der europäischen Liberalisierungspolitik? Und: Welche Perspektiven lassen sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft öffentlicher Dienstleistungen und den Ausbau des Sozialstaats ausmachen? Über diese und andere Frage wollen wir im Rahmen des Pre Conference Workshops „Reclaim Public Services: Rückkehr des Öffentlichen“ diskutieren.

Workshop 2: Fortschritt – Der erste Schritt. Vom Tun und Scheitern.

Leitung: Barbara Guwak, Harald Katzmaier

Fortschritt in seiner rudimentärsten Form ist wohl als „den nächsten Schritt machen“ zu beschreiben. Viele wesentliche Veränderungsprojekte – essenzieller Wandel – schaffen den Schritt über die Planung aber nie hinaus. Die in der Planungsphase Beteiligten drehen sich am Stand und der Prozess schreitet nicht fort in die Phase der Verwirklichung.
Warum eigentlich? Was sind die Bedingungen des Scheiterns von Veränderung? Was blockiert Wandel? Anders gefragt: Was sind Bedingungen um ins Tun zu kommen? Die Pre Conference nähert sich diesen Fragen aus philosophischer, psychologischer und systemischer Perspektive, dabei bietet die Conference auch den Rahmen für die Ideen und konkreten Erfahrungen der TeilnehmerInnen.

Workshop 3: Momentum Research Projects

Leitung: Julia Seyss-Inquart, Leonhard Dobusch

Momentum fungiert nicht bloß als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik, sondern aufgrund seiner dezidiert interdisziplinären und pluralistischen Ausrichtung auch als Schnittstelle zwischen VetreterInnen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Der Pre-Conference-Workshop „Momentum Research Projects“ soll deshalb einen Raum für die Entwicklung progressiver Forschungsvorhaben bieten.

Konkret sollen im Rahmen des Workshops Ideen für Forschungsprojekte vorgestellt, diskutiert und weitergesponnen sowie potentielle KooperationspartnerInnen für die Umsetzung gesucht und gefunden werden.

Der Workshop wendet sich vor allem an interessierte KongressteilnehmerInnen, auf die einer oder mehrerer der folgenden Punkte zutrifft:

a) Ich habe eine Idee für ein Forschungsprojekt, das ich gerne vorstellen und diskutieren würde. (Bitte bei der Anmeldung das Thema des Forschungsprojekts angeben).

b) Ich suche Kooperationspartner für ein Forschungsprojekt aus einer anderen Disziplin (Bitte Thema des Forschungsprojekts und gesuchte Disziplin angeben).

c) Ich habe selbst kein konkretes Forschungsprojekt, bin aber interessiert an der Mitarbeit in einem Forschungsprojekt (Bitte, sofern möglich, Interessensgebiete angeben)

All jene, die ein konkretes Forschungsvorhaben vorstellen möchten, ersuchen wir darum bis spätestens zwei Wochen vor dem Kongress eine kurze Projektskizze (1-3 Seiten) zur Zirkulation unter den übrigen WorkshopteilnehmerInnen einzureichen (office@momentum-kongress.org).

Workshop 4: Momentum Young Research

Für viele TeilnehmerInnen ist der Momentum Kongress bzw. eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Momentum Quarterly ein erster Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten unter professionellen Bedingungen. Wie in anderen Feldern auch, gibt es in der Wissenschaft eine Vielzahl an ungeschriebenen Regeln und Konventionen, die zu kennen hilfreich ist – und zwar gerade auch dann, wenn man ihnen eher kritisch gegenüber steht. Der Pre-Conference-Workshop „Momentum Young Research“ soll den Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten im Rahmen eines strukturierten Erfahrungsaustauschs mit etablierteren WissenschaftlerInnen unterstützen. Im Vordergrund steht die Diskussion von Fragen wie die Folgenden:

  • Wie funktioniert ein Begutachtungsprozess bei wissenschaftlichen Zeitschriften?
  • Worauf kommt es beim Verfassen von wissenschaftlichen Artikeln an?
  • Welche Publikationsstrategie ist zu Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn empfehlenswert?
  • Was sind die Vor- und Nachteile strukturierter Doktorandenprogramme bzw. einer Lehrstuhlpromotion?
  • Welche Bedeutung haben Forschungskonferenzen und worauf gilt es bei ihnen zu achten?
  • Welche Möglichkeiten für die Finanzierung von Forschungsvorhaben gibt es?

Zu Beginn des Workshops sollen weitere Fragen gesammelt und dann gemeinsam Schwerpunkte für den Erfahrungsaustausch festgelegt werden. Der Workshop richtet sich vor allem an TeilnehmerInnen, die am Anfang einer wissenschaftlichen Laufbahn stehen oder sich eine solche zumindest vorstellen können.