Resume

Von 22. bis 25. Oktober 2015 fand der Kongress Momentum statt. Unter dem Generalthema Kritik trafen sich etwa 240 TeilnehmerInnen. Die Eröffnungsrede „Geistige Subversion“ wurde von Barbara Blaha gehalten, gefolgt von der Keynote „Kritische Sprache und Kritik von Sprache“ von Sprachwissenschafter Anatol Stefanowitsch. Auch das Wiener Musikduo Christoph & Lollo waren dabei und stellten ihr Album „Das ist Rock’n’Roll“ vor. Bei der Abschlussmatinée am Sonntag sprach der Autor und Journalist Robert Misik über „KAPUTTALISMUS“. Mehr zu „Momentum15: Kritik“ findet sich im Rückblick Momentum15.

   

Tracks

Das Generalthema Momentum-Kongress in diesem Jahr ist „Kritik“. Im Zentrum des Austausches stehen die zehn Tracks. Ein Track (#10) wird in englischer Sprache abgehalten.

Track #1: Medien als Vehikel der Kritik

Leitung: Katja Mayer, Sebastian Sevignani

Kritische Medien sind von zentraler Bedeutung für eine funktionierende Demokratie. Obwohl es mehr ausgebildete JournalistInnen gibt denn je und seit der digitalen Revolution auch ungleich günstigere technische Voraussetzungen vorhanden wären ist herrschafts- und kapitalismuskritischer Journalismus eine rare Ausnahme geblieben.

Die repräsentative Demokratie basiert auf dem Prinzip der Gewaltentrennung. Sie soll es dem Souverän ermöglichen, die Exekutive umfassend zu kontrollieren und sie dazu anzuhalten, Politik im Sinne der Mehrheit zu machen. Eine zentrale Vorbedingung hierfür ist Information, nicht zufällig wird Medien daher oft die Rolle einer „vierten Gewalt“ neben Exekutive, Legislative und Judikative zugeschrieben. Länderübergreifend lässt sich allerdings konstatieren, dass die etablierten Medien dieser demokratischen Erwartungshaltung bestenfalls in Ausnahmefällen gerecht werden. Worin sind die Ursachen für dieses Versagen zu sehen und wie könnte gegengesteuert werden?

In den Anfängen der digitalen Revolution herrschte die Hoffnung vor, diese werde sich zur Informationsrevolution weiter entwickeln. Obwohl die Veröffentlichung von Inhalten einfach und billig wie nie zuvor ist, scheint diese Einschätzung allzu optimistisch gewesen zu sein. Das ist umso bemerkenswerter, als sich auch andere Voraussetzungen überaus positiv entwickelt werden. So hat die universitäre Ausbildung künftiger JournalistInnen ungeahnte Dimensionen erreicht, es stehen demnach nicht nur ungleich günstigere Mittel, sondern auch viel mehr kundiges Personal denn je zur Verfügung, weshalb führt das nur in Einzelfällen zur Gründung alternativer Medien? Das Whistle-Blowing hat erste vielversprechende Erfolge gezeitigt, aber der Schritt von der Zugänglichmachung von Information hin zu ihrer Aufbereitung und Vernetzung, beides die klassische Aufgabe von qualitativem Journalismus, lässt auf sich warten. Im Rahmen des Tracks sollen Ursachen hierfür diskutiert und best-practice-Beispiele anschaulich gemacht werden. Zugleich soll auch das journalistische Selbstbild einer Reflexion unterzogen werden. Worin genau bestünde kritischer Journalismus? Wo verläuft dabei nicht zuletzt die Grenze zwischen kritischem und vornehmlich destruktivem Journalismus?

Track #2: Public Management zwischen Demokratie und Wirkungsorientierung

Leitung: Michaela Neumayr, Richard Lang

Zur Umsetzung ihrer Entscheidungen ist die demokratisch legitimierte Politik stets auf öffentliche Apparate angewiesen, die in Form von Hoheitsverwaltung und Regulierungsbehörden, von Selbstverwaltungskörpern wie den Sozialversicherungsanstalten oder von Betrieben im öffentlichen Eigentum auftreten. Der Erfolg progressiver Politik hängt deshalb auch zu einem guten Teil davon ab, wie gut es gelingt politische Konzepte und Reformprojekte konkret umzusetzen und zu managen – auf kommunaler genauso wie auf nationaler oder internationaler Ebene. Weit verstanden geht es deshalb im Public Management – und damit auch in diesem Track – letztlich um die Wirksamkeit und Umsetzung demokratischer Entscheidungen.

Folgende Fragen illustrieren beispielhaft, welche Herausforderungen damit verbunden sind:

  • Welche besonderen Anforderungen an Transparenz, Mitbestimmung und Stakeholder-Partizipation stellen sich im Public Management? Welche Erfahrungen, innovativen Ansätze und Probleme gibt es in diesen Bereichen – und auf unterschiedlichen Ebenen (z.B. Kommunalverwaltung, Bundesverwaltung, internationale Organisationen)?
  • Inwieweit unterscheidet sich „Public Management“ vom Management privater, (nicht-)profitorientierter Organisationen? Welche Chancen und Probleme sind mit der Übernahme privatwirtschaftlicher Praktiken und Rechtsformen verbunden
  • Welche Besonderheiten zeichnen nicht-staatliches Public Management in Sozialversicherungsanstalten und Kammern aus? Wie (soll) sich das Management öffentlicher Unternehmen von dem privater Unternehmen unterscheiden?
  • Welche Aufgaben im Bereich der sozialen Daseinsvorsorge begründen staatliches und gemeinwirtschaftliches Handeln und welche Besonderheiten ergeben sich daraus für das Feld des Public Management?

Track #3 Kritik und Geschichte der Ökonomie

Leitung: Lisa Großmann, Heinz Kurz

Obgleich die heutige ökonomische  Diskurslandschaft von tiefgreifender theoretischer wie methodischer Eintönigkeit gekennzeichnet ist, kann die Ökonomie als Disziplin auf eine durchaus vielfältige und pluralistische Geschichte verweisen. Zugleich finden alternative theoretische Ansätze im Bereich des ökonomischen Denkens außerhalb und, seit Beginn der Wirtschaftskrise, teils auch innerhalb der akademischen Ökonomie wieder vermehrt Gehör. In diesem Kontext versucht dieser Track die Potentiale kritischen ökonomischen Denkens der Vergangenheit und Gegenwart auszuloten und neu zu vermessen. Dabei sind die “vergessenen Schätze” der ökonomischen Theoriegeschichte ebenso im Blickfeld dieses Tracks wie die Frage der historischen Entwicklung der ökonomischen Disziplin sowie Ursachen und mögliche Auswege aus der aktuellen Dominanz neoklassischen Denkens innerhalb der Ökonomie.

  • Welche Aspekte der Geschichte des ökonomischen Denkens sind für die heutigen Fragen besonders relevant und sollten wieder verstärkte Beachtung im akademischen wie politischen Diskurs finden?
  • Was sind die Gründe für die aktuelle Dominanz neoklassischer Denkweisen? Wie lässt sich der Aufstieg der Neoklassik aus historischer Perspektive verstehen und welche politische Wirkung hat dieser entfaltet?
  • Welche Anzeichen für einen möglichen Wandel im ökonomischen Denken lassen sich aktuell ausmachen und wie lässt sich ein solcher weiter fördern? Wie ist die langfristige Wirkung der Wirtschaftskrise auf die Disziplin der Ökonomie zu bewerten?
  • Wie lässt sich die Rolle der Ökonomie im öffentlichen Diskurs bewerten und wie ließe sich in diesem Kontext eine stärkere Verbreiterung desselbigen bewerkstelligen?

Track #4: Bildung zwischen Kritikpotential und Humankapital

Leitung: Olga Zitzelsberger, Andreas Kastner

Die zentralen ideologischen Voraussetzungen für die wissenschaftliche Revolution, die sich seit Beginn der Aufklärung vollzieht, ist das Eingeständnis eigener Unwissenheit. Erst auf diese Weise konnte die wissenschaftliche Erkenntnis zum Motor des Fortschritts werden. Das Postulat, Erkenntnis – und als ihre Voraussetzung Bildung – stelle per se einen Wert dar, von dem automatisch die ganze Gesellschaft profitiere ist zu einem zentralen Axiom des politischen Diskurses geworden. Der neoliberale Mainstream geht damit in zweifacher Weise um: Einerseits übernimmt er, an seine aufklärerischen Anfänge anknüpfend, den positiven Bezug auf Bildung. Allerdings deutet er die Bildung dabei in seinem Sinne um. Das Ziel von Erkenntnis ist nicht länger individuelle Selbstermächtigung und gesamtgesellschaftlicher Fortschritt, Wissen und Bildung wird vielmehr zum Asset im internationalen Standortwettbewerb. Andererseits werden Schule und Wissenschaft einer ökonomischen Verwertungslogik unterworfen, die in der Praxis Elitenbildung befördert statt das allgemeine Bildungsniveau signifikant zu verbessern. Der wichtigste progressive Kritikpunkt an der Ökonomisierung des Wissens, seiner Gewinnung und Verbreitung war in den letzten zwei Jahrzehnten die Behauptung, dadurch werde Wissenschaft im Sinne der Eliten gemainstreamt und ihres kritischen Potentials im Sinne eines Vehikels zur Selbstermächtigung beraubt. Es ist nun fraglos so, dass die Produktion und Verteilung von Wissen immer enger an die ökonomische Wertschöpfung gekoppelt ist. Richtig ist auch, dass der Bildungsbegriff als Mittel der (Selbst-)optimierung von Humanressourcen in einem gegebenen Rahmen gedeutet wird. Versatzstücke eines Kantschen Bildungsideals finden sich demgegenüber allenfalls in diversen Präambeln gesetzlicher Grundlagen von Bildungsinstitutionen.

Nicht zuletzt das Phänomen, dass gebildete Schichten sich überproportional stark gegen Egalisierungsbestrebungen zur Wehr setzen, lässt es angezeigt erscheinen, gängige Vorstellungen von Bildung neuerlich kritisch in den Blick zu nehmen und dabei insbesondere der Frage nachzugehen, ob und gegebenenfalls wie Kritik und Kritikfähigkeit als Bildungsziele auch tatsächlich vermittelbar sind.

Track #5: Zur Mobilisierung kritischer Masse

Leitung: Sandra Breiteneder, Juri Hälker

Eine kritische Masse kann verglichen mit der Mehrheit verschwindend gering sein und diese dennoch bewegen. Emanzipatorische, soziale Bewegungen, die meistens als kritische Minderheit einen gesellschaftsverändernden Anspruch stellen, sind dafür ein Beispiel. Aber auch in Parteien und Gewerkschaften, in Wissenschaft und Politik braucht es häufig eine kritische Masse, um Veränderungen anzustoßen. Gleichzeitig geht es aber gerade emanzipatorischen Bewegungen darum, auch Mehrheiten kritisch zu politisieren. Was eine kritische Masse ausmacht und wie sich eine kritische Masse organisieren lässt steht deshalb im Zentrum dieses Tracks.

Konkret geht es unter anderem um die Bearbeitung folgender Fragen:

  • Wie groß können, wie groß müssen Gruppen sein, um politische Veränderung anstoßen und mitgestalten zu können? Wie lässt sich eine kritische Masse an Menschen mobilisieren und organisieren?
  • Welche Rolle spielen kritische Minderheiten in Parteien, Gewerkschaften und der Gesellschaft? Wie können kritische Minderheiten Mehrheiten organisieren?
  • Welche Folgen sind mit kritisch-oppositionellem Selbstverständnis verbunden? Was ist „kritisch“ an einer kritischen Masse? Ist ein kritischer Mainstream denkbar?

Track #6: Erkenntnis, Wissenschaft und die Rolle der Kritik

Leitung: Gabriele Mras, Armin Puller

Immer mehr Wissen wird in immer kürzerer Zeit produziert. Laufend neu erscheinende Studien, Artikel und andere Forschungsbeiträge liefern Erkenntnisse, die mehr oder weniger beachtet und rezipiert werden. Diese Dichte an neuen Informationen steht auch für die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Apparats, Diskurse werden zwar breiter aber sie verlieren an manchen Stellen an Tiefe. Manche Erkenntnisse werden an die Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung gespült, andere bleiben in den Tiefen der Vielzahl an Beiträgen versteckt. Welche Faktoren beeinflussen den Umgang mit Wissen und seine Produktionsweisen? Kann unter diesen Umständen Wissenschaft noch den Anspruch erfüllen einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Zustände zu werfen? Ist innerdisziplinäre und innerakademische Kritik vor diesem Hintergrund weiterhin ein verlässliches Regulativ zur Gewinnung empirischer und theoretischer Erkenntnisse bzw. war sie dies jemals?

Diese Fragen stellen sich, denn neben den inneren Funktionsweisen des Wissenschaftsbetriebes spielen Auftragsforschung und die öffentliche Rezeption einzelner Beiträge eine immer größere Rolle. Forschung die sich diesen Umständen nicht unterwerfen will, wird als kritische Wissenschaft bezeichnet. Doch welche Rolle spielt Kritik heute im wissenschaftlichen Produktionsprozess?

  • Ist mit wissenschaftlicher Forschung per se ein kritischer Anspruch verbunden?
  • Welche Form der Kritik an wissenschaftlichen Erkenntnissen ist für eine Weiterentwicklung der Gesellschaft nützlich?
  • Soll Wissenschaft nicht aus ihrer Selbstdefinition heraus schon kritisch gegenüber den herrschenden Verhältnissen sein? Uns ist sie das heute nicht mehr?
  • Wo liegen die Grenzen der Kritik und auf welche Arten und Weisen wird sie vorgetragen und kann sie Einfluss gewinnen?
  • Welchen Zweck verfolgt Kritik und sind die institutionalisierten Methoden im heutigen Wissenschaftsbetrieb dafür geeignet?

Track #7: Recht und Gesellschaft

Leitung: Tamara Ehs, Martin Risak

Änderungen des bestehenden rechtlichen Rahmens und damit auch der Spielregeln in der Gesellschaft sind durch die steigende Komplexität des Ersteren zusehends schwieriger geworden. Ebenso sind Visionen und Ausblicke, wohin sich eine Gesellschaft im rechtlichen Rahmen entwickeln kann und soll, selten geworden. Recht und Rechtsprechung werden dabei in öffentlichen Diskursen tendenziell skandalisierend thematisiert womit sich eine gravierende Kluft der konstruktiv-trockenen Arbeiten von ExpertInnenkreisen abzeichnet. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage welche gesellschaftlichen Gestaltungsvorstellungen im juristischen Diskurs heute noch eine Rolle spielen und inwiefern diese in einen demokratischen Diskurs über die Rolle und Zukunft der Rechtsprechung münden können.

Eine der am häufigsten zitierten Visionen im Bereich des Strafrechts ist immer noch jene von Christian Broda über eine gefängnislose Gesellschaft, vor mittlerweile über 30 Jahren. Zentral dabei ist, dass Kritik am Rechtsrahmen meist nur in skandalisierter Form laut wird und so auch Thema und Teil der öffentlichen Debatte wird. Eine Weiterentwicklung von unterschiedlichen sachlichen Positionen findet wenig Raum in diesen sehr emotional geführten, kurzfristig aufflammenden Diskussionen, während konstruktive Kritik wird vor allem in geschlossenen ExpertInnenkreisen erarbeitet. Dabei konkurrieren meist diametrale Positionen, die den Weg selten in einen öffentliche Debatte finden.

Im Track sollen unter anderem folgende Fragen und Themen im Fokus der Diskussion stehen:

  • Welche Visionen zu einer umfassenden Rechtsreform können am Beispiel des Strafsystems formuliert werden?
  • Wie kann ein konstruktiver Diskurs über Visionen und Reformen zu Rechtssystemen wieder verstärkt in die Öffentlichkeit verlagert werden?
  • Welche kritischen Beiträge gibt es zur Änderungen des Strafrechtes, um einer möglichen Zwei-Klassen-Justiz entgegenzuwirken?

Track #8: Verteilungsfragen im Kapitalismus

Leitung: Klara Zwickl, Jakob Kapeller

Die Frage nach der Einkommens- und Vermögensverteilung einer Gesellschaft war nicht nur eine der wesentlichen Ausgangspunkte der klassischen politischen Ökonomie, sondern auch ein zentraler Topos der Kapitalismuskritik sowie der entwicklungspolitischen Diskussion. In jüngster Zeit erlebte die empirische Analyse von Verteilungsfragen – auch getrieben von der Erschließung immer umfassenderer Datenbestände – einen starken Aufschwung innerhalb des ökonomischen Diskurses, der durch die Finanz- und Wirtschaftskrise weiter befördert wurde. Der in diesem Kontext seit den 1980ern beobachtete Trend hin zu einer immer stärkeren Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen wird dabei als eine zentrale Krisenursache gedeutet. Zugleich liefert die historische Forschung immer weitere Belege für die zentrale Bedeutung von grundliegenden ökonomischen Verteilungsprozessen für die gesellschaftliche Entwicklung. Vor diesem Hintergrund versucht dieser Track die Frage nach der Rolle von Verteilungsaspekten und-dynamiken für die künftige gesellschaftliche Entwicklung möglichst ganzheitlich zu stellen und in diesem Kontext auf theoretische, empirische und historische Argumente zur Beleuchtung von ökonomischen Verteilungsdynamiken zurückzugreifen.

  • Wie ist die Frage langfristiger Verteilungstendenzen und ihrer Entwicklung im Kapitalismus sowie anderen historischen Phasen einzuschätzen? Lassen sich hier entsprechende, allgemeine theoretische Mechanismen identifizieren?
  • Welches Potential liegt in der neuen, datengetriebenen Verteilungsforschung zur Beantwortung der Frage nach der gesellschaftlichen Wirkung von Verteilungsdynamiken und Veränderungen in der Vermögens- und Einkommensverteilung?
  • Wie ist der Zusammenhang zwischen Schulden und Guthaben aus historischer Perspektive zu sehen und welche Instrumente wurden im Laufe der Geschichte entwickelt um dem dynamischen Wechselspiel zwischen Vermögen und Schulden Grenzen zu setzen?
  • Welche Implikationen haben sinkende Wachstumsraten und ökologische Grenzen für die Neubewertung der Verteilungsfrage?

Track #9: Kritik der Arbeit

Leitung: Brigitte Aulenbacher, Jörg Flecker

Der Begriff der Arbeit hat viele Facetten: Als Lohnarbeit wird sie als Ausbeutungsverhältnis im Kapitalismus definiert, sie ist aber auch Existenzgrundlage und für viele identitätsstiftendes Element. Sie wird für die Entfremdung der Gesellschaft verantwortlich gemacht, ihr Fehlen als Arbeitslosigkeit beklagt. Als (unbezahlte) Haushalts-, Pflege- und Erziehungsarbeit ist sie unverzichtbar für die Reproduktion der Gesellschaft und der Wirtschaft. Sie wird als Erhalterin und Bewegerin der Welt besungen, in ihrer Form als Erwerbsarbeit aber auch als zu überwindende Last verdammt. Dieser Track soll eine kritische Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff bieten. Darüber hinaus geht es aber auch darum, gesellschaftliche Funktionen der Arbeit, Arbeitsstrukturen und den Einfluss neuer Technologie auf Arbeitsweisen näher zu beleuchten. In diesem Zusammenhang stellen sich unvermeidlich auch Fragen, wieviel, wie lange und in welcher Form wir arbeiten sollen. Im Kontext europaweiter Massenarbeitslosigkeit kommt Antworten darauf brennend aktuelle Bedeutung zu. Nicht zuletzt ist die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit Dreh- und Angelpunkt für eine egalitäre Gesellschaft und Geschlechtergerechtigkeit.

Welche Arbeitsbegriffe spielen eine Rolle für progressive Theorien und Praktiken? Wie sieht eine zeitgemäße Kritik der Arbeit aus? Wieviel (Erwerbs-)Arbeit braucht unsere Gesellschaft? Wie lange sollen wir arbeiten? In welcher Form soll Arbeit organisiert und gesellschaftlich verteilt werden? Welche Auswirkungen haben technologische Entwicklungen auf Strukturen und Organisationsweisen der Arbeitswelt? Wie selbstbestimmt können wir arbeiten?

Track #10: Europakritik

Leitung: Doris Dialer, Alice Wagner

Das vereinte Europa hat gegenüber seiner eigenen Bevölkerung ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Zur Zeit profilieren sich vor allem weit rechts stehende PolitikerInnen mit der Kritik an „Brüssel“, die sie mit dem Ruf nach einer Rückkehr zum Nationalstaat verbinden. Obgleich die  artikulierten Forderungen in Inhalt und Qualität durchwegs heterogen sind, bleibt die Frage wie eine konstruktive, proeuropäische Kritik an derzeitigem Aufbau und Ausrichtung der Union aussehen könnte.

Die Europawahlen 2014 haben einmal mehr die tiefe Legitimationskrise der Europäischen Union deutlich gemacht. Strukturelle Kritik kommt bislang vor allem von rechts außen, die Stoßrichtung ist dabei immer eine Schwächung supranationaler Strukturen und die Aufwertung des Nationalstaates. Sozialdemokratische wie konservative EuropabefürworterInnen agieren angesichts dessen weitgehend hilflos und beschränken sich auf eine Verteidigung des Status Quo sowie nicht näher spezifizierte Forderungen nach „Verbesserungen“. Fundamentale Weichenstellungen im Zuge der Krisenlösung, der Bankenregulierung oder etwa auch des Freihandelsabkommens TTIP finden außerhalb eines transparenten, bzw.  demokratisch legitimierten Rahmens statt. Ähnlich problematisch gestaltet sich die europäische Außen- und Sicherheitspolitik, die im Zuge der Ukrainekrise völlig unverhältnismäßig agiert hat ohne sich einer breiteren Öffentlichkeit auch nur zu erklären.

Beide Problemlagen sind letztlich Konsequenzen einer demokratiepolitischen Schieflage im europäischen Institutionengefüge, das die Bevölkerung als legislative Gewalt nur unzureichend abbildet. Unter diesen Voraussetzungen ist es schwerlich vorstellbar, dass die Akzeptanz des vereinten Europa zunimmt. Ausgehend von der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik einerseits und der EU-Außen- und Sicherheitspolitik andererseits soll hier der Frage nachgegangen werden, welche Forderungen im Zentrum einer konstruktiven, an den Werten des Friedens, der Nachhaltigkeit und vor allem der  sozialen Gerechtigkeit orientierten Europakritik stehen müssten. Zugleich soll diskutiert werden, welche Perspektiven der Umsetzung aus einer solchen Kritik folgern müssten.

Critical Europe

The European Union has a significant problem with regard to its political credibility among European citizens. The far right tries to exploit this weakness by vaguely criticizing the EU und proposing a return to nation-wide politics. However, this kind of criticism sometimes addresses important issues, which should also be covered by more progressively oriented actors. Based on the general question relating to the legitimacy and suitability of criticizing the European Union’s politics, this track asks for the potential of progressive perspectives and options in European politics.

PreConferences

Workshop 1: TTIP: Strategien der Gegenwart und politische Perspektiven

Leitung: Michel Reimon

Die USA und die EU verhandeln seit einigen Monaten ein neues Handelsabkommen, deutsch „Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft“, englisch „Transatlantic Trade and Investment Partnership“, kurz TTIP. Gegen dieses Abkommen regt sich wachsender Widerstand von ökologisch, sozial und demokratiepolitisch besorgten BürgerInnen und Organisationen. Für den Handel zwischen den USA und der EU fallen kaum noch Zölle an, Kern der Verhandlungen ist daher die gegenseitige Anerkennung gesetzlicher Standards. Dem TTIP kommt  besondere Bedeutung zu, da der entstehende Handelsraum 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und ein Drittel des Welthandels umfassen würde. Das TTIP würde damit die Rahmenbedingungen des globalen Welthandels dominieren, alle anderen Abkommen wären davon beeinflusst. Michel Reimon, Abgeordneter zum Europäischen Parlament für die Grünen, gibt Einblick in den Verhandlungsprozess hinter verschlossenen Türen, diskutiert Strategien der Gegenwehr und zeigt politische Perspektiven auf.

Workshop 2: Momentum Young Research

Für viele TeilnehmerInnen ist der Momentum Kongress bzw. eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Momentum Quarterly ein erster Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten unter professionellen Bedingungen. Wie in anderen Feldern auch, gibt es in der Wissenschaft eine Vielzahl an ungeschriebenen Regeln und Konventionen, die zu kennen hilfreich ist – und zwar gerade auch dann, wenn man ihnen eher kritisch gegenüber steht. Der Pre-Conference-Workshop „Momentum Young Research“ soll den Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten im Rahmen eines strukturierten Erfahrungsaustauschs mit etablierteren WissenschaftlerInnen unterstützen. Im Vordergrund steht die Diskussion von Fragen wie die Folgenden:

  • Wie funktioniert ein Begutachtungsprozess bei wissenschaftlichen Zeitschriften?
  • Worauf kommt es beim Verfassen von wissenschaftlichen Artikeln an?
  • Welche Publikationsstrategie ist zu Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn empfehlenswert?
  • Was sind die Vor- und Nachteile strukturierter Doktorandenprogramme bzw. einer Lehrstuhlpromotion?
  • Welche Bedeutung haben Forschungskonferenzen und worauf gilt es bei ihnen zu achten?
  • Welche Möglichkeiten für die Finanzierung von Forschungsvorhaben gibt es?

Zu Beginn des Workshops sollen weitere Fragen gesammelt und dann gemeinsam Schwerpunkte für den Erfahrungsaustausch festgelegt werden. Der Workshop richtet sich vor allem an TeilnehmerInnen, die am Anfang einer wissenschaftlichen Laufbahn stehen oder sich eine solche zumindest vorstellen können.

Workshop 3: Plural-ökonomische Perspektiven

Zwei aktuelle, komplementäre Thematiken stehen im Zentrum dieses Workshops: Die Wirtschaftswissenschaft (Ökonomik) erlebt eine zunehmende Dogmatisierung, der wissenschaftliche Diskurs wird insbesondere vom neoklassischen Ansatz dominiert. Parallel dazu werden wissenschaftliche Methoden und Ergebnisse häufig als Rechtfertigung herangezogen, um die Ideologisierung im Umgang mit Griechenland zu legitimieren. Dass die Politik der Troika, beispielsweise, auf Annahmen und Ergebnissen einer einseitigen ökonomischen Analyse beruht wurde während der derzeitigen Krise besonders deutlich.

Die herrschende Mainstream-Theorie verdrängt einen multi-perspektivischen Ansatz, mit massiven Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Die Ökonomik ist im Gegensatz zu ihren eigenen Behauptungen weder wertfrei noch unpolitisch und kann daher keine neutrale Basis für politische Entscheidungen sein. Es ist diese Präsenz von verschiedenen Wertesystemen und Weltanschauungen innerhalb der Ökonomie, die eine plurale Perspektive so wertvoll macht. Die alternativen Handlungsspielräume, welche eine plurale Ökonomik aufzeigen kann, sollten daher für jeden politischen Menschen von großer Bedeutung sein. Nach einem kurzen inhaltlichen Input über Pluralismus in der Ökonomik werden wir interaktiv am Beispiel Griechenland die Zugänge und Perspektiven verschiedener ökonomischer Denkschulen kontrastieren. Keine Vorkenntnisse notwendig.